Wer FT8 macht, kennt das Bild: WSJT-X auf dem Bildschirm, alle 15 Sekunden füllt sich das Decodefenster, man klickt einen CQ-Rufer an, wartet, klickt den nächsten. Dabei trifft man in jeder Minute ein Dutzend kleiner Entscheidungen, ohne es zu merken. Den nicht, der steckt im Pile-up. Den lieber, der ruft schon zum dritten Mal vergeblich. Der hat mich offenbar nicht gehört — weiter. Genau um diese Entscheidungen geht es hier: Wir haben sie einer kleinen Station am Transceiver beigebracht und jede einzelne an den eigenen Verbindungen nachgemessen. Einige Lehrbuchregeln haben das nicht überstanden.

6742eigene Anrufe seit Juni, jeder mit vollem Zusammenhang aufgezeichnet
71 %davon bekamen nie eine Antwort — der größte Verlust liegt vor dem QSO
178QSOs am 1. Oktober, dem bisher besten Tag — mit einem 20-m-Dipol

Ein Vater-Sohn-Projekt von DK9XR und DO3XR. Die Software ist frei und darf nachgebaut werden: github.com/simonsorcerer23/ft8-raspi.

Bedienoberfläche auf dem Handy: Frequenz, Betriebsart, SWR, ALC, laufendes QSO
Die Ansicht am Handy: Frequenz, SWR, ALC, der laufende Gesprächsfaden — und unten, was die Station als Nächstes vorhat.

Was die Station braucht

Einen Raspberry Pi 5, einen Icom IC-705 oder IC-7300 an einem einzigen USB-Kabel — Steuerung und NF laufen darüber, eine Soundkarte braucht es nicht — und eine Antenne. Bei uns ist das derzeit ein schlichter Dipol für 20 m, weil die große Antenne von DK9XR auf ihre Reparatur wartet. Ein GPS-Empfänger ist optional und liefert unterwegs Uhrzeit und Locator.

Wen rufe ich an?

Aus allen CQ-Rufern eines Durchgangs wählt die Station einen aus. Dabei zählen rund zwanzig Gesichtspunkte in einer Rangfolge, die sich von Hand umsortieren lässt: Steckt der Rufer im Pile-up? Hat er uns laut PSK Reporter gerade selbst gehört? Ist es ein neues Land, eine Station von der Wunschliste? Wer nie antwortet, wird nach einigen Versuchen gemieden; nach einem QSO gilt für dasselbe Rufzeichen auf demselben Band eine Sperrfrist.

Die Rangfolge der Auswahlkriterien in der Bedienoberfläche
Oben die Ausschlussgründe, unten die Feinheiten — ganz zuletzt die Signalstärke als Stichentscheid.

Die größte Überraschung der Auswertung war, wie selten diese Feinsortierung überhaupt etwas zu entscheiden hat — dazu mehr in Teil 3.

Wo antworte ich? Die Lehrbuchregel im Test

Ein FT8-Empfänger decodiert den ganzen Durchlassbereich auf einmal; auf welcher Tonhöhe die Antwort liegt, ist der Gegenstation gleichgültig. Die übliche Empfehlung lautet deshalb: nicht auf die Frequenz des Gerufenen antworten, dort drängeln sich schon die anderen Anrufer, sondern einen freien Platz suchen. So hat es die Station auch gemacht.

Dann haben wir es gemessen, zwei Wochen lang, jede Viertelstunde abwechselnd — mal auf seiner Frequenz, mal auf freiem Platz.

Antwort auf der Frequenz des Rufers: 19,5 Prozent QSOs bei 1104 Anrufen, auf freiem Platz 15,4 Prozent bei 1057 Anrufen
Über 2000 Anrufe, gleiche Tage, gleiche Bänder. Der Vorsprung hält auch, wenn man starke und schwache Stationen getrennt betrachtet.

Die Antwort auf seiner Frequenz war die bessere. Warum, lässt sich aus unseren Zahlen nicht ablesen; eine Vermutung ist, dass viele Stationen nach dem CQ-Ruf zuerst dorthin schauen, wo sie selbst senden. Seit dem 17. September antwortet die Station deshalb dort, wo gerufen wird. Nur wer ganz am Rand des Durchlassbereichs ruft, bekommt die Antwort weiter innen.

Die Regel „nie auf seiner Frequenz“ ist keine Naturkonstante. Wer sie befolgt, sollte sie an den eigenen Verbindungen prüfen — sie kann an der eigenen Station schlicht nicht stimmen.

Wann rufe ich — und wann besser nicht?

FT8 läuft im 15-Sekunden-Takt, abwechselnd. Wer eine Station anruft, muss im anderen Takt senden als sie, sonst sendet er genau dann, wenn die Gegenstation selbst sendet. Die Station merkt sich den Takt jeder gehörten Station und ruft nie hinein. Ist niemand Brauchbares zu hören, ruft sie selbst CQ und hört damit auf, sobald wieder ein lohnendes Ziel auftaucht.

Wie bringe ich das QSO zu Ende?

Ein FT8-QSO hat einen festen Ablauf: CQ, Antwort mit Locator, Rapport, bestätigter Rapport, RR73, 73. In der Praxis hält sich kaum jemand daran.

Diagramm: der normale Ablauf eines FT8-QSOs und die drei häufigen Abweichungen
Alle drei Abweichungen sind Alltag — QSB, ein verpasster Durchgang, eine ungeduldige Gegenstation.

Die Station nimmt alle drei Fälle an: Sie schließt ab, wenn der Partner einen Schritt überspringt, und wenn er sich wiederholt, weil dann beide Seiten alles haben. Ein abgebrochenes QSO merkt sie sich einige Minuten — meldet sich der Partner doch noch, geht es dort weiter statt bei null.

Besser hören

Alle Auswahlregeln nützen nichts, wenn eine Station gar nicht erst erscheint. Die Station decodiert deshalb zweimal: mit einem schnellen Decoder, der nach einer Sekunde liefert, und mit dem Decoder von WSJT-X im Hintergrund, der gründlicher sucht, aber erst nach fünf bis sechs Sekunden fertig ist. Zusammen finden beide 98 % dessen, was WSJT-X allein auf denselben Aufnahmen findet. Warum der langsame Decoder beim Anrufen nichts bringt und in laufenden QSOs dafür umso mehr, steht in Teil 6.

Auf sich selbst aufpassen

Vor jedem Sendedurchgang prüft die Station eine Reihe von Bedingungen. Ist eine nicht erfüllt, bleibt der Sender aus, und das Handy bekommt eine Meldung:

  • Uhrzeit: Internet-Zeit oder GPS, auf deutlich unter eine Sekunde genau.
  • Frequenz, Antenne, Lizenz: nur eingetragene FT8-Frequenzen, nur Bänder, die die Antenne kann, und nur die Leistung, die die Lizenzklasse auf diesem Band erlaubt — für Klasse A und Klasse E getrennt. Im Ausland erkennt die Station per GPS das Land und schlägt den CEPT-Präfix vor.
  • Aussteuerung: Der NF-Pegel regelt sich so ein, dass die ALC im grünen Bereich bleibt.
  • Am Gerät gedreht: Rauschunterdrückung, Notch, RIT oder Split im Datenbetrieb stellt die Station zurück und meldet es. Nach „Stop“ gehört das Gerät dem, der davor sitzt — dann meldet sie nichts und stellt nichts zurück.

Ein SWR-Wächter sieht nur, was das Funkgerät misst. Steht ein Tuner dazwischen, misst es in aller Regel nur die abgestimmte Seite — eine Antenne, die langsam schlechter wird, fällt so nie auf. Bei uns stand der Wert wochenlang auf genau 1,00. Wer seiner Antenne misstrauen will, braucht die Messung hinter dem Tuner.

Der Alltag: Handy statt Bildschirm

Bedient wird vom Handy. Das Logbuch geht zu QRZ.com, Club Log, eQSL und ins Logbook of the World; zwei Rufzeichen teilen sich das Gerät, DK9XR und DO3XR, mit getrennten Logs und Leistungsgrenzen. Aufs Handy meldet sich die Station nur, wenn es sich lohnt: eine gesuchte Station von der Wunschliste, ein Gewitter, das näher kommt, oder eben jemand, der am Gerät gedreht hat. Was sie gerade treibt, steht auf ihrer eigenen Seite.

Weltkarte mit gehörten Stationen, Grayline und Empfangsreichweite
Gehörte und gearbeitete Stationen, dazu die Dämmerungslinie.

Und ist das erlaubt?

Die Frage kommt regelmäßig, und sie ist berechtigt. Die Amateurfunkverordnung unterscheidet drei Dinge, die leicht durcheinandergehen.

Unsere Station wird besetzt betrieben. Ein Funkamateur ist da, beaufsichtigt sie und kann sie jederzeit vom Handy anhalten. Die Station ist dabei ein Werkzeug wie die Auto-Sequenz in WSJT-X: Sie nimmt die Klickarbeit ab, die Verantwortung bleibt beim Funkamateur.

Etwas anderes ist der unbesetzte Betrieb, und den regelt die Verordnung ausdrücklich:

  • Remote-Betrieb (§ 13a AFuV) ist der unbesetzte, fernbediente Betrieb unter „ununterbrochener, mittelbarer und vollständiger Kontrolle“ eines Funkamateurs — nur für Klasse A, mit Pflichten: Schutz vor unberechtigtem Zugriff, jederzeitige Abschaltbarkeit auf Anforderung der Bundesnetzagentur, telefonische Erreichbarkeit.
  • Fernbediente oder automatisch arbeitende Amateurfunkstellen (§§ 2, 13 AFuV) — Relais, Digipeater, Funkbaken — brauchen eine eigene Rufzeichenzuteilung mit standortbezogener Verträglichkeitsuntersuchung.

Wer die Software nachbaut, sollte sich also zuerst über die eigene Betriebsart klarwerden. Technisch bringt die Station mit, was für den beaufsichtigten Betrieb ohnehin sinnvoll ist: eine passwortgeschützte Oberfläche, einen Stopp vom Handy, Leistungs- und Bandgrenzen je Lizenzklasse.

Keine Rechtsberatung, sondern der Hinweis auf die Vorschriften: § 2, § 13 und § 13a AFuV. Im Zweifel gibt die Bundesnetzagentur Auskunft.

Und wie kam es dazu?

Fast jede Regel auf dieser Seite ist aus einem Irrtum entstanden. Die Geschichte dazu steht in sieben Teilen:

  • Teil 1 · Mai — eine Woche bis zur funktionierenden Station, und eine geratene Rechtsauskunft, die einen Operator wochenlang aussperrte.
  • Teil 2 · Juni — warum wir jeden Anruf aufschreiben, lange bevor wir wussten, wonach wir suchen.
  • Teil 3 · Die Zahlen — was an einem FT8-Anruf tatsächlich über Erfolg entscheidet.
  • Teil 4 · Die Prüfung — seltene Inseln, die unsichtbar waren, und eigene Befunde, die nicht hielten.
  • Teil 5 · Online — die Station auf dieser Seite, und ein schönes Modell, das gegen die schlichte Regel verlor.
  • Teil 6 · Der Empfänger — zwei Wochen gedrosselter Empfang, den keine Anzeige verriet, und was wir abends wirklich hören.
  • Teil 7 · Das zweite Gerät — ein Ausfall, ein Ersatzgerät mit abgeschalteter AGC, und was AGC und Tuner beim Empfang wirklich ausmachen.

Fragen, Ideen oder Interesse am Nachbau: über das Impressum oder direkt über die Projektseite.