Teil 1 · Mai: Eine Woche bis zur funktionierenden Station
Eine FT8-Station zu bauen, die dem Operator die Klickarbeit abnimmt, klingt nach einer überschaubaren Aufgabe: Der Ablauf eines QSOs ist genormt, die Decoder sind frei verfügbar, der Transceiver lässt sich über USB steuern. Nach acht Tagen lief die Station tatsächlich am Mast. Die interessanteren Erkenntnisse kamen aber nicht aus dem, was funktionierte, sondern aus dem, was wir dabei übersehen hatten.
Was zuerst entstand
Die Reihenfolge ergab sich von selbst, weil jedes Stück das vorherige braucht:
- Die Steuerung des Transceivers. Frequenz, Betriebsart, Filterbreite, Sendetaste — alles über ein einziges USB-Kabel, über das gleichzeitig die Tonsignale laufen. Eine zusätzliche Soundkarte braucht es bei den Icom-Geräten nicht.
- Der Empfang. Alle 15 Sekunden ein Block Audio, durch den Decoder geschickt, die gefundenen Stationen in eine Liste.
- Der QSO-Ablauf. Ein Zustandsautomat, der weiß, wo im Gespräch man gerade steht und was als Nächstes zu senden ist.
- Die Bedienoberfläche. Von Anfang an fürs Handy gebaut, nicht für den Bildschirm — das ist ja der Zweck der Sache.
- Die Selbstaktualisierung. Die Station holt sich neue Versionen selbst und fällt bei Problemen auf die vorige zurück.

Erkenntnis 1: Ein QSO führen ist der kleinere Teil
Der Zustandsautomat, der ein FT8-QSO abwickelt, war an einem Tag geschrieben. Was danach kam, war um ein Vielfaches mehr Arbeit — und zwar alles, was mit dem Ablauf selbst nichts zu tun hat:
Steht der Transceiver überhaupt auf einer FT8-Frequenz? Deckt die Antenne dieses Band ab? Ist die Uhr synchron — FT8 verzeiht keine halbe Sekunde? Darf diese Lizenzklasse auf diesem Band mit dieser Leistung senden? Ist das Stehwellenverhältnis in Ordnung? Hat jemand am Gerät gedreht, während die Station arbeitete?
Jede dieser Fragen muss vor jedem einzelnen Sendedurchgang beantwortet werden, und jede braucht eine Antwort auch dann, wenn die Messung gerade nicht verfügbar ist. Der eigentliche Aufwand einer selbsttätigen Station liegt nicht im Funkbetrieb, sondern darin, ihn sicher zu unterlassen.
Erkenntnis 2: Was beim schnellen Bauen durchrutscht
Schon in der ersten Woche kam ein eigener Prüfdurchgang, und der förderte drei Dinge zutage, die im Betrieb funktioniert hätten, ohne richtig zu sein:
- Der Rapport war nicht ganz so gebildet, wie WSJT-X es tut. Ein Detail, das erst auffällt, wenn jemand beide vergleicht.
- Die Leistungsbegrenzung musste nach einem Zurücksetzen des Geräts erneut greifen — sie war als einmalige Prüfung beim Start gedacht, nicht als dauerhafte. Heute wird sie bei jedem Bandwechsel und nach jedem Zurücksetzen neu angewandt.
- Die Bandkennung leitete sich nicht aus der tatsächlichen Frequenz ab, sondern aus dem ersten Eintrag der Konfiguration. Sie wird jetzt bei jedem Durchgang aus der abgefragten Frequenz des Transceivers bestimmt.
Alle drei sind Fehler, die keine Fehlermeldung erzeugen — sie wurden beim Prüfdurchgang im Code gefunden, nicht im Betrieb bemerkt. Das ist das Muster, das sich durch das ganze Projekt ziehen sollte: Software, deren Annahme nicht mehr stimmt, stürzt nicht ab — sie arbeitet weiter und tut geduldig das Falsche.
Erkenntnis 3: Geraten sieht aus wie recherchiert
Der teuerste Irrtum dieser Phase steckte gar nicht im Code, sondern in einer Tabelle.
„Klasse E ist nirgends CEPT-anerkannt.“ So stand es in der Prüfung, welche Lizenzklasse im Ausland funken darf. Das ist falsch: Klasse E ist CEPT-Novice nach ECC/REC (05)06 und darf in 23 Ländern arbeiten. Die Angabe war nicht nachgeschlagen, sondern plausibel geraten — und sie sperrte DO3XR wochenlang ohne jeden Grund vom Auslandsbetrieb aus.
Die Korrektur brauchte dann eine richtige Recherche: 44 Einträge, konsolidiert aus CEPT T/R 61-01 und ECC/REC (05)06, gegengeprüft an der Zusammenstellung der ARRL für reisende Funkamateure. Seitdem gilt für Fragen zu Recht, Lizenz und Sicherheit eine einfache Regel: Primärquelle oder gar nichts. Eine offene Lücke zu benennen ist besser, als sie zu füllen — denn eine geratene Angabe sieht im Nachhinein genauso aus wie eine recherchierte, und niemand kann sie später noch unterscheiden.
Erkenntnis 4: Wer merkt, dass nichts mehr kommt?
Eine Station, die selbsttätig arbeitet, während man sie nebenher vom Handy aus im Blick behält, hat ein eigenes Problem: Stillstand sieht aus wie Ruhe. Wenn eine halbe Stunde lang keine Station decodiert wird — liegt das am Band, oder ist die Tonverbindung abgerissen?
Der Unterschied lässt sich messen. Ein Wächter prüft nicht nur, ob Decodes kommen, sondern ob überhaupt noch ein Tonsignal anliegt: Ein totes Band rauscht, eine abgerissene Verbindung ist digital still. Erst diese Unterscheidung macht aus einer Alarmmeldung eine brauchbare.
Derselbe Gedanke gilt für die Station insgesamt. Sie meldet sich per Push aufs Handy, wenn etwas nicht stimmt — aber nur dann. Eine Station, die ständig meldet, wird genauso ignoriert wie eine, die nie meldet.
Was am Ende der Woche stand
Nach acht Tagen und 109 Versionen: eine Station, die selbsttätig CQ ruft, Anrufe beantwortet, QSOs zu Ende führt, sie ins Logbuch schreibt, sich um ihre eigenen Grenzen kümmert und sich vom Handy aus bedienen lässt. FT8 und FT4, zwei Rufzeichen, zwei Lizenzklassen.

Was sie nicht hatte: irgendeine Vorstellung davon, ob ihre Entscheidungen gut waren. Sie rief an, wen sie für richtig hielt — und niemand wusste, ob das stimmte. Das kam als Nächstes.