Teil 6 · Ende September: Der Empfänger, der nichts sagte
Am 28. September brach morgens der Empfang ein. Gegen neun Uhr kamen nur noch ein Zehntel der üblichen Decodes an — und gleichzeitig hörten uns die Gegenstationen laut PSK Reporter ganz normal. Die Ursache war schnell gefunden: Am Transceiver waren Rauschunterdrückung und Störaustaster eingeschaltet. Überraschend war etwas anderes. Nach dem Abschalten hörte die Station nicht wieder so gut wie vorher, sondern fast doppelt so gut wie im Monatsmittel.
Der Pegel war normal — der Empfang nicht
Rauschunterdrückung ist beim Mithören auf SSB eine Wohltat: Das Rauschen tritt zurück, die Stimme wird angenehmer. Für FT8 ist sie Gift. Sie arbeitet mit genau den schwachen, gleichmäßigen Tönen, aus denen ein FT8-Signal besteht, und verformt sie. Das Tückische: Der Tonpegel, der beim Decoder ankommt, bleibt praktisch gleich. Keine Anzeige schlägt an. Es kommen nur weniger Stationen durch.
Wie viel weniger, zeigte sich erst im Rückblick über den ganzen Monat:
Die untere Reihe ist der Schlüssel. Die Empfangsberichte fremder Stationen über unser Signal blieben den ganzen Monat gleich: Das Band war also nicht schlechter geworden, und unser Sender auch nicht. Nur unser Empfang war es. Im September lagen die Decodes zwischen 13 000 und 23 000 am Tag; nach dem Abschalten waren es 29 000 bis 34 000. Wie lange die Knöpfe schon an waren, zeichnet niemand auf — aufgefallen ist erst der Einbruch am 28. Der Sonnenfluss fiel in diesen Tagen übrigens, von 120 am 24. auf 95 am 29.: Mit besserer Ausbreitung hat der Sprung nichts zu tun.
Der billigste Test für den eigenen Empfänger: Man legt die eigenen Decodes neben die Empfangsberichte, die andere bei PSK Reporter über einen abgeben. Bleiben die Berichte gleich und die Decodes fallen, liegt es nicht am Band, sondern am Empfänger — an einem Knopf, einem Filter, einem Kabel. Bei Digimodes gehören Rauschunterdrückung, Störaustaster und Auto-Notch grundsätzlich aus.
Die Station schaut seitdem selbst nach. Rauschunterdrückung, Störaustaster, Notch, RIT, ΔTX und Split stellt sie im Datenbetrieb zurück und meldet es aufs Handy; das Dämpfungsglied meldet sie nur. Stellt jemand am Gerät auf SSB um, um mitzuhören, lässt sie die Einstellungen in Ruhe. Und die Lautstärke des Lautsprechers fasst sie nie an.
Was sich änderte, als der Empfänger wieder hörte
Mehr Decodes heißt nicht nur mehr Rufer im Fenster. Es heißt auch, dass die schwachen Antworten auf unsere eigenen Anrufe durchkommen — und genau dort lag der Verlust, siehe Teil 3. In den Tagen danach stieg die Abschlussquote bei europäischen Stationen von 22 auf 35 %, und der Anteil der Durchgänge mit nur einem einzigen Rufer fiel von drei Vierteln auf drei Fünftel. Ein Teil dessen, was wir in Teil 3 der Antenne und dem Band zugeschrieben hatten, war schlicht ein Knopf.
Es gibt keine Abendschwäche
Abends schien die Station schlechter zu laufen: Die Abschlussquote fiel von über 25 % am Vormittag auf 9 % spätabends, obwohl uns abends Tausende Stationen hörten. Die naheliegende Deutung — wir kommen an, setzen uns aber im Gedränge nicht durch — war falsch.
Getrennt nach Europa und Rest der Welt verschwindet der Effekt. Europa läuft den ganzen Tag bei gut 20 %, der Rest der Welt fast überall deutlich darunter. Abends besteht das Angebot auf 20 m nur fast vollständig aus DX: Im letzten Block des Tages gingen 498 Anrufe in die Ferne und 84 nach Europa. Die schlechte Abendquote ist die Mischung, nicht die Tageszeit.
Eine Gesamtquote vergleicht die Mischung, nicht die Bedingung. Wer sagt „abends läuft es schlechter“, sollte nachsehen, ob abends einfach andere Stationen im Log stehen. Für 20 m mit einem Dipol heißt das: Tagsüber Europa, abends DX mit Geduld — und wer abends Europa will, braucht ein tieferes Band.
Wer zu spät hört, antwortet ins Leere
Die Station decodiert zweimal: mit einem schnellen Decoder und mit dem von WSJT-X, der gründlicher sucht. Der zweite holt noch rund jedes zehnte Signal zusätzlich heraus — aber spät.
Die Station hat solche späten Funde anfangs trotzdem angerufen. 50 Anrufe, kein einziges QSO. Wer erst nach fünf Sekunden merkt, dass jemand CQ ruft, ist nicht mehr unter denen, die der Rufer im nächsten Durchgang sieht. Seit dem 18. September ruft die Station solche Stationen nicht mehr an; ruft er weiter, findet ihn der schnelle Decoder im nächsten Durchgang ohnehin.
In laufenden QSOs ist es umgekehrt: Dort rettete der langsame Decoder jedes vierte bis fünfte QSO, weil er den Rapport oder das RR73 der Gegenstation noch aus dem Rauschen holte, wo der schnelle aufgab. Dort ist Zeit — die Gegenstation wiederholt, und man antwortet einen Durchgang später.
FT8 trägt über die MUF
Die klassische MUF gilt für Signale, die man hören und verstehen kann. FT8 arbeitet bis rund 20 dB unter dem Rauschen. Wie weit darüber trägt es also? Eine Woche lang haben wir jede Vorhersage für unsere Funkwege neben die Empfangsberichte über uns gelegt.
Oberhalb der vorhergesagten MUF kommen rund siebenmal weniger Berichte an — aber sie kommen. Selbst 30 bis 80 % über der Vorhersage hörten uns noch Stationen. Wo es ganz aufhört, ließ sich auf 20 m nicht finden: Den Fall, dass unsere Frequenz fast doppelt so hoch wie die MUF lag, gab es in der ganzen Woche nur viermal.
Eine MUF-Karte, die ein Band „zu“ zeigt, heißt für FT8 nicht „zu“, sondern „dünn“. Wer bei geschlossener Vorhersage trotzdem CQ ruft, wird seltener gehört — aber gehört.
Was als Nächstes kommt
Die große Antenne von DK9XR wartet noch auf ihre Reparatur. Wenn sie hängt, wird sich zeigen, wie viel von dem, was diese Reihe beschreibt, am Dipol lag. Die Vergleichszahlen dafür sammeln sich seit dem 28. September — diesmal mit einem Empfänger, der wirklich hört.