Teil 3 · September: Was die Zahlen sagen
Im September wurde die seit Juni laufende Aufzeichnung zum ersten Mal ernsthaft ausgewertet. Was dabei herauskam, war unbequem: Mehrere Regeln, die seit Monaten im Betrieb waren, hielten der Prüfung nicht stand — und die wichtigste Erkenntnis stellte die Rangfolge dessen um, woran zu arbeiten sich überhaupt lohnt.
Die wichtigste Zahl: Antwortet sie überhaupt?
Von rund dreihundert eigenen Anrufen an CQ-Rufer in zwei Tagen bekamen mehr als zwei Drittel nie eine Antwort. Kein Rapport, keine Nachfrage, nichts — die gerufene Station hat schlicht nie reagiert.
Das klingt banal, hat aber eine unangenehme Folge. Wir hatten wochenlang daran gearbeitet, angefangene QSOs zuverlässig zu Ende zu bringen — und das hat sich auch gelohnt. Nur betrifft diese Arbeit die kleinere Hälfte des Problems. Der Verlust liegt fast vollständig davor: bei der Frage, wen man überhaupt anruft.
Für den praktischen Betrieb heißt das: Wer seine Trefferquote verbessern will, sollte weniger Zeit in den Ablauf stecken und mehr in die Auswahl. Und das gilt auch für den Menschen vor WSJT-X.
Entfernung: der Nahbereich ist so schlecht wie das ferne DX
Die nächste Auswertung war die überraschendste — weil das Ergebnis in beide Richtungen ausschlägt.
Dass ferne Stationen schwerer zu arbeiten sind, überrascht niemanden. Dass der Nahbereich genauso schlecht abschneidet, schon eher — bis man sich erinnert, warum: Unter 1000 km ist man auf 20 m in der toten Zone. Zu weit für die Bodenwelle, zu nah für den ersten Sprung. Man hört sich gegenseitig über Streuung, aber sauber ankommen tut wenig.
Der günstigste Bereich ist der erste saubere Sprung. Das steht so in jedem Lehrbuch — ungewöhnlich ist nur, es an den eigenen Verbindungen bestätigt zu sehen, statt es zu glauben.
Der Empfangsbeleg: der beste einzelne Hinweis
FT8-Verbindungen sind oft unsymmetrisch. Eine große Antenne in ruhiger Lage hört uns mühelos, während wir sie kaum aus dem Rauschen holen — und umgekehrt. Die eigene Signalstärke sagt also nur, wie gut wir hören, nicht ob wir gehört werden.
Es gibt aber eine Quelle dafür: Meldenetze wie der PSK Reporter sammeln Empfangsberichte weltweit. Steht dort in den letzten Minuten ein Bericht über unser eigenes Rufzeichen, ist der Weg belegt.
| Lage beim Anruf | Anrufe | Antwort erhalten | QSO zustande |
|---|---|---|---|
| Empfangsbeleg vorhanden | 125 | 38 % | 28 % |
| kein Beleg | 171 | 26 % | 22 % |
Der Unterschied ist deutlich — vor allem bei der Antwortquote, also genau dort, wo der Verlust sitzt. Nur: Für knapp zwei Drittel unserer Anrufe liegt überhaupt kein Beleg vor, weder positiv noch negativ. Die Information ist also wertvoll, aber meistens nicht verfügbar. Was man daraus macht, ist eine offene Frage.
Die unbequemste Erkenntnis: Die Feinsortierung entscheidet fast nie
Wir hatten eine ausgefeilte Rangfolge aus rund zwanzig Auswahlkriterien gebaut — Pile-up, Seltenheit, Tageszeit, Grayline, Empfangsbeleg, Bandhistorie. Dann wurde nachgesehen, wie oft sie überhaupt etwas zu entscheiden hat.
In vier von fünf Durchgängen stand genau ein brauchbarer Kandidat zur Wahl. Die ganze Feinsortierung betrifft also jeden fünften Fall. Wo es dagegen eine echte Auswahl gab, verdoppelte sich die Erfolgsquote — von 20 % auf 42 %.
Beide Hälften dieses Befunds sind lehrreich. Die Rangfolge ist nicht nutzlos: Wenn sie zum Zug kommt, wirkt sie deutlich. Sie kommt nur selten zum Zug. Was dagegen bei jedem Durchgang wirkt, sind die einfachen Ja/Nein-Entscheidungen: anrufen oder nicht, hier antworten oder dort, weitermachen oder abbrechen.
Das deckt sich mit dem, was erfahrene Operatoren sagen, wenn man sie nach ihrem Erfolgsrezept fragt. Es ist selten die raffinierte Auswahl. Es ist, nicht in den Stapel zu senden, nicht auf Stationen zu warten, die einen nicht hören, und ein angefangenes QSO auch dann zu Ende zu bringen, wenn die Gegenstation vom Drehbuch abweicht.
Besser hören: von 73 auf 98 Prozent
Alle Auswahlregeln nützen nichts, wenn eine Station gar nicht erst erscheint. Der Decoder entscheidet darüber, wen man überhaupt zu Gesicht bekommt — und der Maßstab dafür ist WSJT-X.
Am Anfang fand unser Decoder auf Referenzaufnahmen 73 % dessen, was WSJT-X findet. Ein Viertel der Stationen fehlte also, ohne dass es auffiel — man sieht ja nicht, was man nicht sieht.
- Laute Nachbarn herausrechnen. Ein starkes Signal deckt schwache Stationen daneben zu. Die Software baut das starke Signal nach, gleicht es ab und zieht es vom Empfangssignal ab. Danach werden Stationen lesbar, die 20 bis 30 Hz daneben lagen.
- Mehrere Versuche bei schwachen Signalen. Wenn die normale Fehlerkorrektur aufgibt, probiert ein zweites Verfahren die wahrscheinlichsten Bitfolgen durch. Damit dabei keine erfundenen Rufzeichen entstehen, gilt ein Ergebnis nur mit gültiger Prüfsumme.
- Alle vier Kerne statt einem. Der Decoder prüft je Durchgang einige hundert Kandidatenstellen im Band — Arbeit, die sich aufteilen lässt. Der gründliche Durchgang dauert seitdem halb so lange.
- WSJT-X als zweite Meinung. Dessen Decoder ist frei verfügbar und läuft bei uns im Hintergrund über dieselben 15 Sekunden Audio. Was er zusätzlich findet, kommt auf die Liste.
Ergebnis: 88 % aus eigener Kraft, 98 % mit der zweiten Meinung. Gemessen wurde nach jeder einzelnen Änderung an denselben Referenzaufnahmen — „gefühlt besser“ zählt bei so etwas nicht.
Und dann die Fehler: alle von derselben Art
Die Auswertung förderte nicht nur Erkenntnisse über den Funkbetrieb zutage, sondern auch eine Reihe eigener Fehler. Bemerkenswert war, dass sie fast alle dieselbe Form hatten.
Vier Beispiele aus derselben Woche:
- Die ganze Auswahllogik lief nie. Die Station war so eingestellt, dass sie CQ ruft und auf Anrufe antwortet. In dieser Betriebsart wird die Auswahl schlicht nicht ausgeführt. An einem Tag: über 3000 CQ-Rufe anderer Stationen im Band, null eigene Anrufversuche. Die Arbeit von Wochen war nicht falsch — sie wurde nur nie aufgerufen. Und weil die Station dabei ordentlich QSOs machte, fiel es nicht auf.
- Die Abfrage der Empfangsbelege pausierte seit Wochen. „CQ-Betrieb aktiv“ war einmal ein guter Grund, sie ruhen zu lassen — damals schlossen sich CQ-Rufen und gezieltes Anrufen aus. Dann wurde beides zusammengelegt, und der Pausengrund traf ab da dauerhaft zu.
- Die Wunschliste erreichte die Auswahl nicht. Sie wurde befüllt, angezeigt, für Push-Meldungen ausgewertet — nur bei der Zielwahl las sie niemand. Dazu kam ein zweiter Effekt in dieselbe Richtung: Seltenes DX ist per Definition schwach und umlagert, also griffen bei genau diesen Stationen alle Sparregeln gleichzeitig. Über sieben Tage rief eine Station aus dem Kosovo 16-mal CQ, eine aus Namibia war 13-mal zu hören. Kein einziger Anrufversuch.
- Sechzehn Stationen warteten vergeblich. Wer vom erwarteten Ablauf abwich, wurde stillschweigend fallengelassen. Eine Station wiederholte ihre Bestätigung 186-mal, eine andere 55-mal. Im eigenen Protokoll stand „Gegenstation verstummt“ — geschwiegen hatten wir.
Jede dieser Regeln war einmal richtig. Keine davon war noch richtig. Begründungen altern schneller als Code — mit dem Unterschied, dass sich niemand beschwert, wenn sie abgelaufen sind.
Was daraus folgte
Gegen diesen Fehlertyp helfen keine besseren Vorsätze, sondern nur Sichtbarkeit. Drei Anzeigen zeigen seitdem im laufenden Betrieb, was sonst niemand sieht: was jede einzelne Filterregel wegnimmt, wie gut die Datenquellen gefüllt sind, auf die sich die Auswahl stützt, und wohin die Zeit innerhalb der 15 Sekunden fließt.
Der zweite Punkt ist der heikelste. Eine Regel, die nie zählt, kann überflüssig sein — oder sie hat schlicht keine Daten. Diese beiden Fälle auseinanderzuhalten hat uns davor bewahrt, zehn Filterstufen zu löschen, die in Wahrheit nur leer liefen.
Was heute offen ist
Zum Schluss das, was noch niemand weiß — denn eine Projektgeschichte, die nur mit gelösten Problemen endet, wäre schon wieder geschönt.
Der Befund, dass zwei Drittel aller Anrufe nie eine Antwort bekommen, ist klar. Was man dagegen tut, nicht. Der Empfangsbeleg ist der beste bekannte Hinweis, fehlt aber meistens. Die Entfernung hilft, ist aber grob. Und für die Fälle, in denen ohnehin nur eine einzige Station zu hören ist — vier von fünf Durchgängen —, bleibt die Frage, ob ein Anruf mit geringer Aussicht besser ist als ein eigener CQ-Ruf.
Genau dazu läuft zurzeit ein Vergleich, bei dem die Station abwechselnd so und so verfährt und beide Varianten getrennt zählt. Was dabei herauskommt, entscheiden die Zahlen — nicht die Plausibilität.