Teil 2 · Juni: Warum wir alles aufschreiben
Im Juni war die Station fertig. Sie funkte, führte QSOs, schrieb ins Logbuch. Was in diesen Wochen dazukam, sah aus wie Beiwerk: ein Demo-Modus, eine zweisprachige Oberfläche — und die Entscheidung, jeden einzelnen Anrufversuch mitzuschreiben. Genau die letzte war die folgenreichste des ganzen Projekts, und sie brachte drei Monate lang überhaupt nichts.
Das Problem mit guten Ideen
Eine selbsttätige Station wirft ständig Fragen auf, auf die es keine belastbare Antwort gibt. Lohnt es sich, schwache Stationen anzurufen? Bringt es etwas, auf einer freien Frequenz zu antworten statt auf der des Gerufenen? Sind einsame CQ-Rufer wirklich die dankbareren Gesprächspartner?
Zu jeder dieser Fragen gibt es eine plausible Antwort, und zu den meisten auch eine ebenso plausible Gegenantwort. Im Funkbetrieb lassen sie sich kaum am Einzelfall entscheiden: Ob ein Anruf zum QSO wird, hängt von der Ausbreitung ab, von der Gegenstation, von einem halben Dutzend Dingen, die man nicht kontrolliert. Erst über hunderte Anrufe wird ein Muster sichtbar.
Und man kann nicht rückwirkend messen. Wer im September wissen will, wie oft im Juni ein Anruf ins Leere ging, hat entweder die Aufzeichnung von damals — oder er hat sie nie.
Die Entscheidung: mehr aufschreiben als nötig
Also wurde ab Juni jeder eigene Anrufversuch mit seinem vollständigen Kontext festgehalten. Nicht nur, ob er erfolgreich war, sondern alles, was zum Zeitpunkt der Entscheidung bekannt war.
Der Gedanke dahinter: Zusätzliche Spalten kosten nichts. Eine fehlende Spalte kostet Monate — denn wer im September merkt, dass er die Entfernung gebraucht hätte, kann nicht in den Juni zurück und sie nachtragen.
Das klingt selbstverständlich, ist es aber nicht. Im Moment des Bauens weiß man ja nicht, welche Frage man später stellen wird. Die Versuchung ist groß, nur das aufzuschreiben, wofür man gerade eine Verwendung hat.
Erkenntnis: Ohne Vergleichsgruppe ist eine Zahl nur eine Zahl
Die zweite Lehre kam schnell hinterher. Eine Abschlussquote allein sagt wenig — sie schwankt mit der Tageszeit, mit dem Band, mit der Jahreszeit. „Seit der Änderung läuft es besser“ ist keine Aussage, sondern eine Hoffnung.
Deshalb laufen strittige Regeln bei uns nicht einfach so, sondern abwechselnd ein- und ausgeschaltet, in kurzen Blöcken, und beide Varianten werden getrennt gezählt. Derselbe Gedanke wie bei einem Medikamententest: Nur wenn beide Gruppen unter denselben Bedingungen laufen, misst man die Änderung statt des Wetters.

Wie wichtig das ist, zeigte sich später an einem Beispiel, das ohne Vergleich völlig anders ausgesehen hätte: Ein Muster, das bei 16 Anrufen deutlich zu erkennen war, verschwand bei 246 Anrufen spurlos. Wer nach den ersten 16 gehandelt hätte, hätte eine Regel gegen ein Phantom gebaut.
Erkenntnis: Testen, ohne zu senden
Eine Station am Mast ist ein schlechter Ort zum Ausprobieren. Jeder Versuch belegt eine Frequenz, kostet Sendezeit und stört im Zweifel andere.
Deshalb entstand parallel ein vollständiger Demo-Betrieb: ein simulierter Transceiver, ein simuliertes Band mit erfundenen Stationen, ein gefülltes Logbuch. Damit lässt sich die komplette Software auf dem Schreibtisch ausführen, inklusive Oberfläche — ohne dass ein einziges Signal die Antenne erreicht.
Das ist auch die Grundlage für die Bilder in diesen Artikeln: Alle Oberflächenansichten hier stammen aus dem Simulator, nicht aus dem Betrieb. Kein echtes Rufzeichen einer dritten Station ist darauf zu sehen.
Ein Simulator braucht eine klare Grenze nach außen. Die Einstellungen der echten Station sind für den Betrieb am Mast gedacht — für einen Testlauf am Schreibtisch sind sie falsch. Der Entwicklungsbetrieb setzt deshalb jeden nach außen schreibenden Dienst ausdrücklich ab, statt sich auf Vorgabewerte zu verlassen, und ein Test prüft bei jeder Änderung nach, dass das so bleibt. Simulierte Signale dürfen den Schreibtisch nicht verlassen.
Und dann passierte drei Monate lang nichts
Die Aufzeichnung lief zuverlässig. Angesehen hat sie sich niemand.
Die Station funkte den Sommer über, machte QSOs, sammelte Zeile um Zeile — und die Software wurde in dieser Zeit kaum angefasst. Zwei Monate ohne eine einzige neue Version. Aus Sicht des Projekts sah das nach Stillstand aus.
Tatsächlich entstand in diesen Monaten die Grundlage für alles, was danach kam. Als im September zum ersten Mal jemand ernsthaft in die Daten schaute, lagen dort mehrere tausend Anrufversuche mit vollem Kontext — genug, um Muster zu erkennen, die in einzelnen Tagen untergehen.

Das Ergebnis war unbequem. Es widerlegte reihenweise Regeln, die seit Mai im Betrieb waren, und stellte die Rangfolge der Prioritäten auf den Kopf.