Teil 3 endete mit einer Beobachtung: Regeln altern, und niemand beschwert sich, wenn ihr Grund weggefallen ist. Wie viele solcher Regeln steckten noch in der Station? Der 12. September war der Versuch, das systematisch herauszufinden. Am Nachmittag kippte die Richtung — da ging es nicht mehr um die Station, sondern um die Zahlen, mit denen wir sie beurteilen.

Die Station wird besetzt betrieben: Ein Funkamateur beaufsichtigt sie und kann sie jederzeit anhalten. Zum rechtlichen Rahmen siehe den Überblick.

15Fehler an einem Tag — und keiner hatte je eine Fehlermeldung erzeugt
5der seltensten DXCC-Gebiete der Welt waren für die Station wertlos wie der Nachbarort
4357Empfangsberichte zeigen: Wo im Durchlassbereich man sendet, ist für die Reichweite egal

Drei Fragen an jede Zahl

An jede Zahl, jede Regel und jede Messung in der Station wurden dieselben drei Fragen gestellt: Woher stammt sie — gemessen, übernommen oder geraten? Wann hat sie zuletzt nachweislich gewirkt? Und was passiert, wenn die Eingabe fehlt? Jede Antwort musste mit einer Messung belegt werden, nicht mit einer Beschreibung, wie es gemeint war.

Die seltensten Inseln der Welt waren unsichtbar

Eine Regel soll Stationen bevorzugen, die gerade von vielen gleichzeitig gerufen werden — typischerweise seltene Inseln, auf denen für ein paar Tage eine Expedition funkt. Diese Regel hatte in vierzehn Tagen kein einziges Mal gegriffen. Die naheliegende Erklärung: Da war eben keine Expedition.

Die Messung sagte etwas anderes. Die Länderdatenbank, die viele Logprogramme benutzen, führt Crozet unter dem Kürzel FT/w. Nachgeschlagen wurde darin aber mit dem Anfang des Rufzeichens — und Crozet funkt als FT8WW. Ein Kürzel mit Schrägstrich kommt in keinem Rufzeichen vor. Crozet, Glorioso, Juan de Nova, Tromelin und Bouvet hatten deshalb denselben Seltenheitswert wie eine Station aus dem Nachbarort: null.

Wer mit Länderlisten arbeitet — im Logprogramm, in einer eigenen Tabelle, im DXCC-Abgleich —, sollte die französischen Inseln im Indischen Ozean einmal gezielt prüfen. Sie teilen sich den Präfix FT und unterscheiden sich nur durch einen Buchstaben hinter dem Schrägstrich. Es ist die klassische Stelle, an der Auswertungen still danebenliegen.

Traue keinem Wert, der sich nie bewegt

Ein weiterer Fund vom Vormittag betraf eine Messreihe, die 275-mal hintereinander exakt denselben Wert geliefert hatte. Sie fragte das S-Meter des Funkgeräts über die USB-Steuerung ab — und das liefert beim IC-7300 in der Datenbetriebsart auf diesem Weg schlicht keinen brauchbaren Wert. Die Reihe sah aus wie eine ruhige Messung und war in Wahrheit gar keine.

Dasselbe Muster tauchte zwei Wochen später beim Stehwellenverhältnis wieder auf: 1113 Messungen, jede genau 1,00. Mit eingeschaltetem Tuner sieht das Funkgerät offenbar nur die abgestimmte Seite. Eine Antenne, die langsam schlechter wird, fiele so nie auf.

Ein Messwert, der sich nie bewegt, ist keine Entwarnung, sondern ein Verdacht. Echte Messungen schwanken. Wenn die SWR-Anzeige seit Wochen auf exakt 1,0 steht, lohnt ein Blick, ob sie überhaupt die Antenne misst — oder nur den Tuner davor.

Nachmittags: Halten die eigenen Erkenntnisse?

Die Station schreibt jeden Anruf mit: wen sie rief, wie laut er ankam, aus welcher Weltgegend, zu welcher Stunde, und ob ein QSO daraus wurde. Damit lässt sich jede Regel nachrechnen. Nur: Merkmale treten gemeinsam auf. Wer aus Europa ruft, kommt meist auch laut an; wer laut ankommt, wird eher gehört. Vergleicht man Anrufe mit und ohne ein drittes Merkmal, das seinerseits mit Europa zusammenhängt, misst man am Ende Europa — und schreibt es dem dritten Merkmal gut.

Der Nachbar, der ihn hört

PSK Reporter verrät zweierlei: ob die Gegenstation uns gehört hat, und ob jemand in unserer Nähe sie gerade hört. Beides sah in der einfachen Auszählung nach einem guten Hinweis aus. Betrachtet man alle Merkmale gleichzeitig, bleibt nur eines übrig. Dass sie uns selbst gehört hat, zählt — der Nachbar dagegen war nur eine andere Schreibweise für „Europa und laut“.

Die besten Stunden, die sich selbst gemessen haben

Die Station bevorzugte Weltgegenden, die zur aktuellen Stunde erfahrungsgemäß gut gehen — abgeleitet aus dem eigenen Logbuch: die Stunden mit den meisten QSOs. Der Zusammenhang mit dem Erfolg war überwältigend. Er musste es sein. Wer zu einer Stunde viel anruft, hat zu dieser Stunde viele QSOs, ganz gleich, wie mühsam sie waren.

Der Unterschied liegt im Nenner. Setzt man die QSOs ins Verhältnis zu den Anrufen derselben Stunde und Weltgegend, entsteht eine ehrliche Größe: Wie oft führt ein Anruf hier zum Ziel? Diese Größe erwies sich als der stärkste Hinweis überhaupt, stärker als Entfernung und Signalstärke.

„Meine beste Zeit für Japan ist 7 Uhr“ — steht das so im Logbuch, weil 7 Uhr gut ist, oder weil man um 7 Uhr am häufigsten Japan ruft? Wer beste Zeiten sucht, teilt die QSOs durch die Versuche, nicht durch nichts.

Der laute Nachbar war es nicht

Unser Decoder fand rund 88 von 100 Signalen, die WSJT-X aus denselben Aufnahmen holt. Bei den verpassten stand auffällig oft ein lautes Signal daneben — die Deutung lag auf der Hand. Statt nachzurechnen, haben wir eingegriffen: bei sechs verpassten Signalen den lauten Nachbarn herausgerechnet und neu decodiert. Fünf von sechs blieben verschwunden. Ein voller Durchgang hat eben viele Nachbarn und viele schwer lesbare Signale — beides kommt zusammen, ohne dass das eine das andere verursacht.

Was dafür hielt

Nicht alles fiel. Ein Fund betrifft eine Lage, die jeder kennt, der FT8 von Hand macht: Man ruft jemanden, es tut sich nichts, ein besseres Ziel taucht auf, man wechselt.

Nach einem Zielwechsel rief das alte Ziel in 60 Prozent der Fälle weiter CQ; das neue Ziel wurde in 16 Prozent zum QSO, ein erneuter Anruf beim alten in 15 Prozent
Das verlassene Ziel ist meist noch da, und ein zweiter Anruf dort bringt genauso viel wie der Wechsel.

Die Station sperrte das verlassene Ziel danach eine Viertelstunde — dieselbe Strafe wie für Stationen, die uns ignoriert haben. Dabei hatte es nichts falsch gemacht; wir waren gegangen. Die Sperre ist seitdem auf eine Minute verkürzt.

„Wer zurückkehrt, bekommt meist ein QSO.“ So stand es hier im September, gestützt auf gut ein Dutzend Wiederanrufe. Mit 275 Wiederanrufen sind es 15 % — genauso viel wie beim neuen Ziel. Die kürzere Sperre bleibt richtig, der Grund dafür war zu schön.

Was der Tag gebracht hat

Fünfzehn Fehler — und zehn Stellen, an denen ausdrücklich kein Fehler war, belegt statt vermutet. Die zweite Gruppe ist oft die nützlichere: Wo im Durchlassbereich man sendet, hat keinen messbaren Einfluss darauf, wie gut man gehört wird, über 4357 Empfangsberichte hinweg. Für die Reichweite ist der Sendeton also gleichgültig. Wo man auf einen CQ-Ruf antwortet, ist eine andere Frage — und dort zählt es, siehe Überblick.

Gemeinsam haben alle Fehler dieses Tages eine Eigenschaft: Keiner hat je eine Fehlermeldung erzeugt. Die Station lief die ganze Zeit, machte QSOs und meldete nichts. Bei den Befunden vom Nachmittag war es noch eine Spur unangenehmer: Da schwieg nichts — da stand eine Zahl, und sie war überzeugend.

Weiter mit Teil 5: Die Station geht ins Netz.